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Interview mit Christian Assel von Frank Otto

Sonntag, 14.08.2005

 

 

Christian, wie bist du auf die Familienaufstellung gekommen ?

 

Ich bin, das kann ich eigentlich so sagen, durch meinen Vater dazu gekommen. Ich hab´ auch von meinem Vater das erste mal davon gehört, er kam zu mir, besuchte mich in meiner Wohnung und sagt:  Mensch, ich hab’ hier was tolles gemacht, so was hast du noch nie gesehen, das nennt sich Familienaufstellung, und das hat mir sehr viel gegeben. Und dann fand ich das erstmal interessant, wusste aber noch nicht, was es ist, und irgendwann sagte er: weißt du was ?  Wenn du das auch machen möchtest, dann, hier ist das Geld für ein Seminar,  bevor ich dir lange erkläre, was das genau ist, schau es dir selber an, ich bezahl dir das, geh’  mal hin. Und dann bin ich zu dem gleichen Kursleiter gegangen, bei dem er zuvor war, hab’ mir das angeschaut und hab gemerkt: Das ist etwas, was mich auf jeden Fall tief berührt. Wo ich merke, egal, was das ist, es ist was bedeutsames.

 

Was hab’ ich als Laie, unter einer Familienaufstellung zu verstehen ?

Wie läuft das ab ?

 

Also, um es grob zu sagen, macht man etwas sichtbar. Das bedeutet, ich mache etwas sichtbar, was vorher im Verborgenen lag. Und im Verborgenen liegen oft Verstrickungen, Konflikte, wir nennen sie systemische Konflikte, weil sie in einem System sich befinden, (das System heißt Familie in diesem Falle), und dort geht es darum etwas aus dem Dunkel ins Licht zu führen. Das bedeutet also, etwas sichtbar zu machen, was mir vorher verborgen ist. Und verborgen ist mir oft meine Verbindung zu meinen Ahnen, beispielsweise, oder verborgen ist mir, wie stark ich mich zugehörig fühle, zu meinem Clan. Und das wird sichtbar gemacht.

 

Ist die Familienaufstellung eine Therapieform ?

 

Ja, man kann das so sagen, dass es therapeutisch wirkt, ich nenn’ es immer „philosophisch therapeutisch“, aber es ist ein ganz klarer therapeutischer Aspekt dabei, weil es schon darum geht, einen Konflikt zu lösen. Also, das ist keine reine Informationsveranstaltung,  sondern es geht darum, meinen ganz konkreten Konflikt, der in meiner Familie oder auch in mir, in meiner Seele anwesend ist, zu lösen, und mit diesem Vorsatz muss ich auch in eine Familienaufstellung gehen; damit ich weiß, was will ich da jetzt machen ? Was suche ich konkret ?

 

Wie hab’ ich mir das vorzustellen ?  Ein Konflikt ist ja eigentlich nicht immer nur ein Konflikt, den man mit sich herum trägt, man trägt ja unter Umständen viele Konflikte mit sich rum: Werden die, wird die Vielzahl von Konflikten in einer Familienaufstellung gleichbedeutend behandelt oder… Wie ist der Ablauf ? Wir gehen jetzt schon so ein bisschen in’s  Detail.

 

Ja, mein Eindruck ist, dass es nur so aussieht, als gäbe es viele Konflikte. Aber in Wahrheit scheint es mir so abzulaufen, dass die verschiedenen Konflikte oft auf einen Ursprung zurückgehen, der jetzt, in dem Augenblick, wo ich das mache, wo ich etwas löse, wo ich eine Lösung suche, dass dann etwas ansteht. Und das, was ansteht, das löst auch noch andere Konflikte.

 

Kannst du das mal anhand eines Beispiels etwas plastischer machen ?

 

Wir nehmen mal an, ich gehe zu einer Familienaufstellung und sage, beispielsweise, ich habe einen Konflikt mit einem Arbeitskollegen. Das hab’ ich auch schon genau so gehabt: Da kam jemand und sagte, ja, ich hab’ einen Konflikt mit meinem Arbeitskollegen, wir kommen einfach überhaupt nicht klar, ich weiß nicht, was ich mit dem anfangen soll, wir reden immer aneinander vorbei; ich hab’ alles versucht, und es haut einfach nicht hin. Und sein Anliegen war, etwas mit dem Arbeitskollegen zu klären. Denn man kann ja auch Konflikte nicht nur in der Familie lösen, sondern in allen Systemen – ein System ist ja auch eine Arbeitsstelle, oder ein Projekt oder ein Club, oder immer da, wo Gruppendynamiken entstehen. Und er wollte halt den Konflikt mit seinem Arbeitskollegen lösen. Dann haben wir das aufgestellt und haben relativ bald gemerkt, dass das nicht das eigentliche Thema war. Dass es nicht  im eigentlichen Sinne um seinen Kollegen ging, sondern, dass das Thema weiter reichte, zu seinen Eltern. Das heißt, indem wir etwas mit ihm und seinen Eltern klären konnten, dadurch hat sich auch der andere Konflikt mit gelöst.

 

Das heißt, wir bekommen möglicherweise aus dem Elternhaus bestimmte Strömungen mit, die wir mit ins Leben übernehmen, wenn ich das richtig verstehe, wenn ich das richtig interpretiere, die dann wiederum zu Konflikten im Miteinander oder in meiner persönlichen Wahrnehmung führen können? Ist das richtig?

 

Ja, genau, das ist auch mein Eindruck. In erster Linie werden wir geprägt von der Familie, da stammen wir her, dort bekommen wir unser Leben geschenkt, dort fängt alles an, wir sind angewiesen auf diese Familie. Du musst dir vorstellen: Ein neu geborenes Kind ist vollkommen hilflos, ohne die ohne die Mutter, die es nährt, ohne den Vater, der es beschützt, und deswegen ist diese Familie für uns so wichtig. Und weil das so wichtig ist, entstehen andere Konflikte, sozusagen aus diesem Ursprungskonflikt, häufig. Es geht natürlich nicht nur um die Eltern, es kann auch um Geschwister gehen dabei, beispielsweise früh verstorbene Geschwister, die oft einen großen Konflikt auslösen können, weil später kommende Geschwister sich nicht trauen, das Leben voll zu nehmen, mit der vollen Fülle, im Angesicht des toten Geschwisters, was es ja nicht so gut hatte, und dann kann es zum Beispiel sein, dass eine Mutter kommt und sagt: Mensch, ich hab’ Schwierigkeiten mit meinem Sohn, der ist schlecht in der Schule. Und wenn wir das angucken, dann hat das mit der Schule gar nichts zu tun, was oft übrigens der Fall ist, bei Schülern, die schlecht in der Schule sind, sondern dann liegt das z. B. an diesem familiären Konflikt.

 

Du hast vorhin von den Ahnen gesprochen; wie hab’ ich mir das vorzustellen, wie kann ich Leute, die ich gar nicht mehr kenne, gar nicht mehr kennen gelernt habe – bestenfalls noch aus Erzählungen von Familienangehörigen kenn’, wie kann ich mit diesen Ahnen dann ich sag’ mal, in Anführungszeichen, in Kontakt treten? Warum sind die überhaupt noch wichtig?

 

Die Ahnen sind wichtig, weil sie nicht fehlen dürfen, sonst wäre ich nicht hier, d.h. alle Ahnen haben einen wichtigen Platz in der Weitergabe des Lebens, wenn einer fehlen würde, dann würde ja alles sich ändern oder mich gäb’ es so nicht. Und zum Zweiten, dass ja in der nachfolgenden Generation, die Generation davor immer noch vorhanden ist. Das heißt, ich kenne meine Eltern und selbst wenn meine Eltern sterben sollten, sind sie ja in mir noch da. Ich trage ihre Gene, ich habe viele Gewohnheiten übernommen und wenn ich Kinder habe, dann gebe ich das auch so weiter und ich geb’  ja auch mein Verhalten, meine Werte, meine Familieninformation weiter und die geben’s  auch wieder weiter, d.h., nach ein paar Generationen wird das dann schon geringer und der Einfluss der früheren Generationen nimmt dann schon ab. Das geht ein paar Generationen, bis zu vier Generationen zurück, es gibt auch Ausnahmen.  Eine Ausnahme war, da ging es sieben Generationen zurück. Das ist aber sehr ungewöhnlich.

 

Welche Qualifikation ist nötig, um Familienaufsteller zu werden ?

 

In meinem Falle fand’ ich es eine gute Qualifikation ein Philosophiestudium gemacht zu haben und dann eine Fortbildung im Familienstellen. Ebenso waren die vielen Seminare und Kongresse sehr hilfreich. Insgesamt gehört dazu ein Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, was ich nicht kontrollieren kann; was ich nicht in der Hand habe, was immer neu ist. Es gibt keine Regeln, es gibt keine festgesetzten, festgelegten Grundsätze, so, wie das vielleicht bei den Schulmedizinern ist, und damit muss man umgehen wollen.

 

Wir haben das Thema vorhin schon mal gestreift, vielleicht können wir das jetzt noch mal ein bisschen vertiefen: Wie habe ich mir als Laie eine Familienaufstellung vorzustellen,  was erwartet mich, wenn ich an einer Familienaufstellung teilnehme, beispielsweise meine eigene Situation aufstelle.

 

Ja, was dich erwartet, ist dass du etwas siehst, was bisher im Verborgenen lag, daraus ergeben sich wieder neue Erkenntnisse, das ist nicht garantiert, aber es können sich daraus neue Erkenntnisse ergeben, wenn ich etwas entdecke, was mir vorher verborgen war und dem zustimme, wie es ist. Also, ich komm’ noch mal darauf zurück, wie das vor sich geht: Du wählst aus der Gruppe der Teilnehmer für relevante Personen deine Stellvertreter aus und diese Stellvertreter, z. B. einen Stellvertreter für die Mutter, einen Stellvertreter für den Vater, und auch für dich selber wählst du einen Stellvertreter aus, und guckst dir das von außen an; und diese Stellvertreter, die die Ursprungsfamilie von dir überhaupt nicht kennen, dich nie gesehen haben, das auch nicht wissen müssen, die stellst du in der Mitte des Teilnehmerkreises einfach auf – deswegen heißt es Familienaufstellung – und Aufstellen heißt, du stellst sie an einen Platz, wo es einfach richtig erscheint, ganz spontan, ohne nachzudenken, ohne sich vorher Gedanken darüber zu machen, wie stell’ ich die hin, was mach’ ich da jetzt, sondern: den Kopf ganz leer haben, und einfach nur sich leiten lassen von den Händen und von den Füßen, und irgendwann merkt man dann: da steh`n sie richtig, und da stellst du sie dann hin. Und wenn dann die Stellvertreter sich selbst überlassen werden und bereit sind, gesammelt zu spüren, was sie dort spüren, an der Stelle, wo du sie hingestellt hast, dann ergeben sich erstaunliche Phänome, dass nämlich, dadurch dass die Stellvertreter teilhaben am Ganzen, an einem Wissen teilhaben, was auch zum Ganzen gehört. Und diese Stellvertreter können dann gewissermaßen reinspüren in die Rolle, die sie dort erhalten haben. Das muss man mal gesehen haben, das ist sehr schwer zu erklären, aber erstaunlicherweise können die Stellvertreter sehr genaue Auskünfte geben über die Person, die sie darstellen und es kommt immer wieder vor, das die Teilnehmer verblüfft sind, dass also, bis in die Wortwahl hinein sogar, die Stellvertreter das spüren, was von der wirklichen Person, die sie darstellen, ausgeht.

 

Wer nimmt… Wer kann an Familienaufstellungen teilnehmen?

 

An einer Familienaufstellung kann teilnehmen, wer sich körperlich und psychisch dazu in der Lage fühlt. Wichtig ist, dass jemand z. B. keine schwerwiegenden Herzprobleme hat, oder gravierende psychische Beschwerden hat. Da wäre das unter Umständen abzuraten oder vielleicht in Begleitung mit einem Therapeuten …mit einem Vorgespräch das zu besprechen. Aber wer keine bekannten körperlichen Beeinträchtigungen hat oder psychische Beeinträchtigungen hat, der kann in der Regel auch teilnehmen an einer Aufstellung. Wichtig ist für die Aufstellung, dass ein Anliegen da ist. Das kann ich an der Stelle vielleicht noch erwähnen: also, es einfach nur zu machen, und zu sagen, ach ja, Familienaufstellung ist toll, ich guck mir das mal an, wie das aussieht: Da kommt nichts dabei raus. Sondern wichtig ist, dass ich ein Anliegen habe, was ich lösen möchte, dass also etwas „kocht auf meiner Herdplatte“, was irgendwie jetzt dran ist. Das etwas fällig ist. Dann, in der Regel, bin ich auch bereit dazu, mich entsprechend darauf einzulassen und auch da mitzugehen. Mit diesen Dingen, die teilweise auch vom Verstand her nicht so genau zu fassen sind.

 

Stellen die Teilnehmer an einer Familienaufstellung immer ihre eigene Situation auf ?

 

Nicht immer, es gibt auch Supervisionsaufstellungen, z. B. von Leuten, die an einer Schule als Lehrer arbeiten oder die für das  Jugendamt arbeiten und dort immer wider mit schweren Fällen konfrontiert sind oder mit schweren Konflikten konfrontiert sind, entweder eigene Konflikte oder aber an anderen Konflikten teilhaben müssen. Beispielsweise im Jugendamt. Das ist also eine Arbeit, die ich bewundere, weil es sicherlich sehr schwer ist, zu entscheiden, muss ich ein Kind rausnehmen aus einer Familie oder wie muss ich das machen? Und das sind immer sehr sehr schwere Entscheidungen und da kann es auch hilfreich sein ein Supervisionsanliegen aufzustellen. Das heißt also, wenn ich also eine Familie im Blick habe, für die ich arbeite oder bei der ich jetzt nun auch gerade im System mich eingemischt habe, bin ich auch in dieser Zeit ein Teil dieses Systems, habe also auch eine Funktion, und kann zum Beispiel indem ich etwas sichtbar mache, schauen, wo ist ein richtiger Platz. Wo muss ich mich hinstellen und mit wem muss ich mich vielleicht verbünden und mit wem darf ich mich nicht verbünden, damit ich dort wirkungsvoll handeln kann. Und oft sind das wichtige Entscheidungen und wichtige Erkenntnisse, um die richtige Entscheidung zu treffen. Und dann habe ich nicht für mich persönlich gehandelt, sondern quasi beruflich, wenn man so will.

 

Wie lange bist du persönlich schon mit der Familienaufstellung beschäftigt ?

 

Ja, ich hab’ angefangen, mich zu beschäftigen, als ich das bei meinem Vater gesehen habe. Wenn ich mich richtig erinnere, dann haben mein Vater und seine zweite Frau 1998 angefangen Aufstellungen anzubieten, und da ja meistens Männermangel herrscht, und ich hab’s eigentlich auch noch nicht anders gesehen, da haben die gesagt:  Mach’ doch mal mit, komm’ doch auch vorbei, nimm’ doch einfach teil als Stellvertreter, und das habe ich auch ein paar Jahre gemacht und bin so da hinein gekommen. Und ich hab’ also zig Aufstellungen gesehen, als Stellvertreter, und habe so die ersten wertvollen praktischen Erfahrungen gemacht. Und so ist das losgegangen und jahrelang konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass das was für mich ist. Also ich bin da irgendwie reingerutscht. Merkwürdigerweise, also ich wäre von mir aus nicht auf die Idee gekommen, so etwas zu machen, mich weiter zu bilden und auf diesem Weg weiter zu gehen. Ich bin wirklich durch meinen Vater dazu gekommen.

 

Bei wem hast du deine Ausbildung gemacht ?

 

Meine Ausbildung habe ich bei Gerhard Walper gemacht, der hat sein Institut in Bad Homburg bei Frankfurt am Main. Ein sehr guter, talentierter Lehrer, wie ich finde. Einer der Besten.

 

Ich komm’ noch mal auf die Rolle der Stellvertreter in einer Familienaufstellung zurück:  Wie muss ich mir das vorstellen? Ist das eine Art Rollenspiel, d.h., schauspielern die Stellvertreter die Familiensituation?

 

Mit Schauspiel hat das nichts zu tun; ich hab’ mal wirkliche Schauspieler gefragt, die an einer Familienaufstellung  teilnahmen, die waren also Profischauspieler am Theater, und ich hab die gefragt:  Wie ist das eigentlich für dich? Du bist nun Schauspieler und jetzt nimmst du ja auch eine Rolle wahr in einer Aufstellung, siehst du da einen Unterschied? Und die haben gesagt, ja, das ist was vollkommen Verschiedenes. Das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun. Und so erlebe ich das auch: Natürlich kann sich eine Rolle im Theater verselbständigen, dass man sich da hineinversetzen kann, so stell’ ich mir das jedenfalls vor, aber um eine Rolle zu spielen, musst du selbst eine Energie hinein geben. Du musst selbst handeln, du musst selbst aktiv werden und du musst selbst das Heft in die Hand nehmen, sag’ ich mal. Und genau das passiert nicht in einer Aufstellung. Sondern in einer Aufstellung bin ich passiv, ich agiere nicht, ich handele nicht, und ich denke vor allen Dingen nicht. Sondern das Einzige, was ich tue, ist, ich nehme wahr, und spüre, was für Gefühle hochkommen, was für Gefühle oder Emotionen in mir aufsteigen, an der Stelle, wo ich mich befinde. Als Stellvertreter bin ich alles andere als Schauspieler, und wenn ich merken würde, dass jemand schauspielert, das kommt gelegentlich vor, dass Leute das missverstehen, dann merkt man das relativ bald, dass jemand nicht in der Rolle drin ist, und da hab` ich dann auch schon mal jemand ausgewechselt.  Also, man kann auch einen Stellvertreter auswechseln, wenn er zum Beispiel mit seiner eigenen Situation in Konflikt kommt, weil z.B. die Rolle, die er übernommen hat mit seinem eigenen Konflikt sich sehr deckt. Dann kann es sein, das die Leute auch selbst sagen: „Ich bin jetzt hier irgendwie durcheinander, bitte nimm mich raus“.  Ich mach’ das dann, weil es nicht darum geht, etwas aktiv zu "machen".

 

Du hast eben von Rollenspiel gesprochen. Also bin ich als Stellvertreter schon in einer Rolle, aber ich erspüre meine Position innerhalb der Rolle, wenn ich das richtig interpretiere, und schauspielere nicht.

 

Ja ich bin in einer Rolle. Genau, es ist kein Spiel, es ist auch kein Rollenspiel, aber es ist eine Rolle und in der Rolle bin ich dann nicht ich selbst, sondern ich nehme etwas anderes wahr. Wenn ich gesammelt bin, wenn ich mich sammele und in meine Mitte gehe, dann kann ich in eine Rolle gehen, die eben mit der Person sehr viel zu tun hat, die ich darstelle. Das ergibt sich einfach. Wie das genau funktioniert, das weiß keiner, es ergibt sich… Durch die Teilnahme am Ganzen ergibt sich auch ein Wissen um das Ganze – genauer kann man das nicht erklären – manchmal gebe ich das Beispiel, dass es mit Hunden ja auch so ist: also, es gibt Untersuchungen, das kann man ganz klar nachweisen, dass also ein Hund z. B. genau spürt, wann sich Herrchen oder Frauchen beispielsweise auf den Heimweg macht, wann dieser Heimweg unterbrochen wird und wann er dann fortgesetzt wird, und so weiter, das können Hunde ganz genau spüren; und sie wissen auch schon bevor Herrchen oder Frauchen die Tür aufschließt oder das Auto parkt, also auch schon Minuten vorher wissen die ganz genau: Jetzt kommt er gleich oder jetzt kommt sie gleich. Das heißt also auch, Hunde nehmen das unmittelbar wahr, was wir vielleicht nicht immer so unmittelbar wahrnehmen, und haben auch Teil an diesem System und können das also auch ganz genau spüren. Und so ähnlich spüren wir das auch. Wir nehmen Teil an dem Ganzen und sobald ich Teil eines Ganzen bin, nehme ich auch an dem Wissen teil, des Ganzen. Es gibt viele Bücher darüber, Leute haben versucht, das zu erklären und nennen das dann „Morphisches Feld“ oder „Wissendes Feld“. Was es da alles gibt..., und versuchen, das irgendwie ganz klar zu machen aber letztlich lässt sich’s nicht genau erklären.

 

Du hast deine Ausbildung zum Familienaufsteller erfolgreich abgeschlossen. Wie ist jetzt dein weiteres Vorgehen? Hast du z. B. irgendwelche Ängste, du trittst jetzt heraus aus der Rolle des Schülers und gehst in die des Lehrers. Was bringt das an Veränderungen für dich mit sich?

 

Als Lehrer seh’ ich mich nicht. Ich war ja, in meinem früheren Leben Lehrer, d.h. bis 2005. Genau das wollte ich ja eigentlich nicht mehr. Ich seh’ mich als Seminarleiter und sehe da meine Rolle eher bescheiden. Ich organisiere das und ich leite das Seminar, aber ich fühle mich nicht als Lehrer, sondern ich lasse mich darauf ein, was sich zeigt an den Wochenenden, an den Wochenendseminaren, und ich bringe mich ein, da, wo es nötig ist, aber ich versuche mich eigentlich zurückzuhalten und geschehen zu lassen, was sich dort zeigt. Es sind ja immer wieder andere Leute da, es gibt ja eine Gruppendynamik, und, äh..., wenn wir jetzt bei Drei nach Neun wären müsste ich fragen: Wie war die Frage? (Lachen)

 

Um da mal anzuknüpfen wäre deine Position dann eher auch die des Mittlers, des Vermittlers und nicht desjenigen, der, gleichsam von einer erhöhten Warte herab, den Leuten, die mit Problemen kommen, etwas empfiehlt.

 

Ja.

 

Was sind deine weiteren Pläne für die Zukunft ?

 

Ja, ich biete ja Seminare in Hannover und Berlin an. Und ich plane auch Seminare in San Francisco/ USA anzubieten. Dafür werde ich jetzt im September und Oktober 2005 in die USA fliegen und dort die Lage sondieren und habe also vor, in diesen drei Städten die Seminare anzubieten. Das ist erstmal mein Plan; und dann, gucken, was passiert. Im Oktober, während ich dort bin, wird auch der ersten Kongress für Familienaufsteller stattfinden. Das ist in Portland/ Oregon, und da bin ich natürlich schon sehr gespannt darauf. Erstmal, von vornherein beim allerersten Kongress in den USA dabei zu sein ist eine große Ehre. Und ich gucke auch mal, dass ich dort vielleicht auch Kollegen kennen lernen kann und, vielleicht von deren Erfahrung profitieren kann.

 

Dann ist das Familienaufstellen in Amerika noch nicht so weit verbreitet wie bei uns in Europa ?

 

Es stellt sich so dar. Mein Eindruck ist, dass diejenigen, die das Familienstellen anbieten, in den USA, das noch nicht so lange machen, vielleicht fünf, sechs Jahre arbeiten, wenn`s  hochkommt, wenn überhaupt schon so lange…  Das Familienstellen hat sich im deutschsprachigen Raum entwickelt. Also vor allen Dingen in Deutschland, aber auch in Österreich und in der Schweiz, und mein Eindruck ist, dass in den USA das noch nicht so bekannt ist. Deswegen bin ich mal besonders gespannt darauf, wie sich das entwickelt und ob die US-Amerikaner auch etwas damit anfangen können und sich auf diese Prozesse einlassen können. Das gilt es herauszufinden.

 

Gibt es da eine Sprachbarriere ?

 

Für mich zum Glück nicht, ich bin in England aufgewachsen, zumindest ein zwei Jahre, bin dort auch zur Schule gegangen, hab` auch Anglistik studiert, war auch auf Reisen oft im englischsprachigen Ausland; sodass es mir vielleicht nicht so schwer fallen wird, die Kurse auf Englisch zu geben. Also, da habe ich schon einen gewissen Vorteil, aber es ist auch nicht so leicht, glaube ich, plötzlich ein Seminar in einer anderen Sprache zu halten, das wird schon eine Herausforderung bleiben, da bin ich sicher. Aber die nehme ich gerne an.

 

Gibt es nicht auch interkulturelle Unterschiede, d.h., Europäer/ Amerikaner. Wenn man die beiden Pole sich mal ansieht: Kann man die Familienaufstellung, so, wie wir sie in Europa betreiben, heißt das, in Amerika ohne Einschränkungen anwenden? Oder muss ich Dinge beachten.

 

Es gibt schon Unterschiede: Ein wesentlicher äußerer Unterschied ist nach meiner Ansicht, dass es in Deutschland ohne weiteres möglich ist, dass Menschen sich einfach ein Wochenende frei nehmen, für eine Aufstellung. Die haben da einfach Samstag und Sonntag frei und machen dann ein Wochenendseminar. Es kann aber sein, dass das in den USA nicht ohne weiteres möglich ist. Wenn ich also zwei oder drei Jobs habe, dann auch am Wochenende vielleicht noch arbeiten muss, das macht es schwieriger. Das ist eine äußere Sache, dass es vielleicht besser ist, regelmäßig am Abend Kurse zu machen und dann vielleicht nur drei, vier Stunden. Das andere ist, dass die Verstrickungen, die systemischen Verstrickungen mit denen wir zu tun haben, auch andere sein werden. Also, während zum Beispiel in Deutschland systemische Verstrickungen oft zurückzuführen sind auf schwere Ereignisse aus dem Zweiten Weltkrieg, auch aus dem Ersten Weltkrieg durchaus, aus Vertreibungen von Juden, aus den ganzen Verbrechen, die also trotz Krieg oder während des Krieges trotzdem auch stattgefunden haben, nicht nur die Kriegsereignisse selber, sondern die Verbrechen, die dann also gewissermaßen auch passiert sind…  Sondern, in den USA haben die Verstrickungen z. B. weniger mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, sondern mehr mit dem Vietnamkrieg, der ja auch für viel Wirbel gesorgt hat, auch innenpolitisch sehr umstritten war, damals, das waren ja die 60er/ 70er Jahre, wenn ich mich richtig erinnere, das hat sich ja lange hingezogen…  Dann natürlich die ganzen Einwanderungssachen, die Entwurzelung, welche die Menschen spüren, wenn sie ihr Land verlassen und in Amerika siedeln, dann gibt es die Gräueltaten an den Ureinwohnern Amerikas, den Indianern. Dann gibt es Verstrickungen, dass Menschen, die eingewandert sind, ihre Identität verleugnet haben. Z.B. dass Juden ihre jüdische Identität verleugnet haben, aus Angst, es könnte in den USA ja auch so etwas passieren, wie in Deutschland. Oder haben ihren deutschen Namen verleugnet, und haben aus dem Namen Weber dann Webber gemacht, z.B. oder haben das dann eingedeutscht, damit man den Ursprung nicht mehr erkennen kann. Mir fällt jetzt zum sechzigsten Jahrestag von Hiroshima und Nagasaki natürlich auch das ein: Das sind natürlich auch ganz andere Verstrickungen, mit denen wir da zu tun haben werden.

 

Du hast vorhin kurz die Entwicklung der Familienaufstellung und ihren Entwicklungsort Deutschland erwähnt. Kannst du einen kurzen historischen Abriss der Familienaufstellung, der Entwicklung der Familienaufstellung geben?

 

Ja, das hat angefangen – das Wort Bert Hellinger ist noch gar nicht gefallen – aber das hat angefangen, dass Bert Hellinger Versuche gemacht hat, bzw. Erfahrungen gemacht hat, dass bei sogenannten Primärseminaren, wo es darum geht, dass Menschen in einen gewissen Ekstasezustand geraten, und dort dann Erfahrungen machen können, dass diese Menschen, die in diesem Zustand waren, plötzlich Gefühle und Emotionen hatten, die aus ihrer eigenen Situation gar nicht erklärt werden konnten. Und das war merkwürdig, weil, es da Leute gab, die haben gesagt: “Ich fühl` mich, als ob ich tot bin“ oder “Ich hab` jemanden erschossen“ oder “Ich hab` jemanden umgebracht“ oder was immer das war. Aber das war aus der eigenen Biographie oder aus dem eigenen Erlebten gar nicht abzuleiten. Wenn man dann aber schaut, z.B. auf den Vater oder den Großvater, da war dann sehr wohl etwas, z. B. Kriegsereignisse oder ähnliche Dinge, oder Geschichten von Täter und Opfer. Und dann ist er darauf gekommen, dass es vielleicht sein kann, dass die Grenzen der Person innerhalb eines Systems, nicht so klar definiert sind, wie wir das glauben. Denn ich unterscheide mich von dir und seh` mich als getrennt von dir, z. B. Aber innerhalb eines Systems sind diese Grenzen ganz fließend, eigentlich. Und so kann es sein, dass ich etwas übernehme von einer anderen Person. Und so hat das angefangen, dass er also gesehen hat, wir müssen jetzt das Gebiet erweitern. Wir können nicht bei einer Person stehen bleiben und können nicht nur bei einer Person gucken, sondern wir müssen den Blick heben, gewissermaßen, um ein größeres Familienfeld in`s  Auge zu nehmen. Und dort haben sich dann wieder ganz neue Felder eröffnet.

 

Wann ist die Familienaufstellung aufgekommen ?

 

Ja, das muss also Ende der 80er gewesen sein. Wenn ich mich jetzt nicht verrechnet habe, dann war das so Ende der 80er Jahre, wo es sozusagen losgegangen ist, dass also man das weiterhin ausprobiert hat, in verwandten Seminaren; wann Hellinger selbst damit angefangen hat weiß ich nicht genau, das muss in den 70er Jahren gewesen sein. Aber das ging ungefähr so Ende der 80er los, dass so eine kleine Gemeinschaft dort angefangen hat nähere Erfahrungen zu machen und die wollten das dann auch anwenden, aber zunächst, so hab` ich es jedenfalls gehört, oder so hab` ich es verstanden, wollte Bert Hellinger eigentlich nicht, dass das größere Kreise zieht, er behauptete, das könne man nicht lernen und das solle man auch besser lassen, und hat eigentlich das nicht gewollt, dass das so einen großen Kreis zieht. Aber als er gemerkt hat, dass die Leute das trotzdem machen und trotzdem anwenden in ihren Seminaren und gesagt haben: „Ja, wenn du es uns nicht beibringst, dann machen wir das einfach selber, dann machen wir das ohne dich“, dann hat er wohl eingelenkt und hat sich dann zur Verfügung gestellt, mit seinem Wissen. Das ging dann so weit, dass er dann irgendwann selbst ein Buch geschrieben hat, nachdem schon andere über ihn ein Buch geschrieben haben. Und das ist auch mein Kriterium (mit Schmunzeln): Wenn du berühmt bist, und du hast es geschafft, dann weißt du ganz sicher, dass du es geschafft hast, wenn andere Leute über dich ein Buch schreiben. Gunthard Weber war das nämlich unter anderen, der über Bert ein Buch geschrieben hat, ich glaube, das war das erste richtige Buch über das Familienstellen, das hieß “ Zweierlei Glück“, und das ist eingeschlagen, wie `ne Bombe, damals. Das haben viele Leute gelesen und damit ging das eigentlich erst los, dass alle gemerkt haben, da ist etwas im Gange, was irgendwie groß ist.

 

Stichwort “Glück“, das soll dann die abschließende Frage sein: Ist denn die Familienaufstellung so was wie eine Anleitung zum Glücklichsein?

 

Wenn ich das jetzt bejahen würde, das wär` natürlich vermessen. Es kann keine Anleitung sein, aber es ist natürlich einer der Wege. So würde ich das beschreiben. Eine Erkenntnis zu bekommen in einer Familienaufstellung ist einer der Wege, zu einem glücklicheren Leben. Jetzt, drängt sich natürlich die Frage auf:  Was ist denn Glück?  Und für mich ist Glück, wenn ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg mich befinde. Der Weg kann noch ganz schmal sein, der Weg kann noch vielleicht holperig sein, das ist mir ganz egal, wenn ich nur die Gewissheit habe, oder die Überzeugung habe, dass es der richtige Weg ist und dass DAS mein Weg ist. Und darum geht es in einer Familienaufstellung. Vielleicht einen Weg zu finden, der gangbar ist und sich auf diesen Weg zu begeben. Und das kann unter Umständen auch glücklich machen.

 

Dann wünsche ich dir viel Glück für deine Pläne in Amerika und danke dir für dieses Gespräch.



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