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Bericht eines Studien-Kurses "Walking-In-Your-Shoes" mit Christian Assel am 25.04.15 in Hannover

Bericht von Ragna zu einem Walk "Krankheitsbild Schizophrenie"

 

Ich nehme die Rolle an und fühle mich ein.

 

Sehr schnell verspüre ich einen Drang nach hinten und gehe rückwärts, immer drängender. Aber es gibt auch etwas, was mich nach vorne drängt. Ich habe dann das Gefühl, ich müsste nach vorne, aber es zieht, nein, es schiebt mich nach hinten. Ein Druck auf der Brust, der nach hinten schiebt, aber von hinten schiebt es mich nach vorne, und beides droht zu kreuzen, da kommt vorne hinter hinten und hinten vor vorne, ich werde so was wie irgendwie zwischen zerquetscht und zerrieben, dazu löse ich mich fast auf. Da rette ich mich an den Boden, da kann ich liegen. Ich sinke zwar auch ein und löse mich dann halbwegs im Boden auf, aber da ist auch der Kontakt mit einem zuverlässigen Material, dem Parkett, das mich auch nicht mit Fragen bedrängt. Zwischenzeitlich ist es auch schön, halbwegs im Boden zu verschwinden, da können mich die anderen nicht verfolgen, in den Boden hinein. Da bin ich sicher. Erstmal. Dann ist aber diese Symbiose oder das Verschmelzen mit dem Boden auch nicht gut, und die Beine blähen sich so merkwürdig auf. Christian fragt, wie es kommt, dass ich so schnell hingefallen bin. Die Frage überfordert mich. Der Rest Ragna in mir weiß, dass das zum Walk gehört, dass ihn interessiert, was mit mir ist, aber ich kann aus der Rolle heraus nicht sprechen. Da ist Angst, Wut, erste Ansätze zu schreien, aber ich darf nicht schreien, ich darf nicht, ich will in den Boden hinein, aber auch nicht, will mich auflösen, habe Angst davor. Ich robbe weg, in Richtung Ecke. Dann habe ich das Gefühl, dass mein Arm bis zum Podest  auf der anderen Seite des Raumes reicht. Die Entfernungen verschwimmen vollkommen. Die anderen sind real weit weg, aber mit dem Arm reiche ich an das Podest, das gleichzeitig auf der anderen Seite von den anderen und bei mir ist, also, mein Arm geht irgendwie durch die anderen und den ganzen Raum hindurch, aber irgendwie auch nicht. Mit Spaltung hat das nicht wirklich zu tun, eher mit einem Auflösen, alles wird so amorph.

 

Und dann dieses wabernde Ding in mir, immer rauf und runter, vom Schambein zur Kehle und zurück und wieder hoch und runter und hoch und runter. So eine Mischung aus Ameisen und Feuer in Wackelpudding in einem Gestaltwandlerding, das zum Mund hinaus will, aber ich bin sicher, wenn das passiert, dann würde die Welt untergehen und ich wäre schuld. Christian fragt mehrfach nach, ob ich es nicht rauslassen könnte. Es ist eine ganz große Anstrengung, mich dazu durchzuringen, es zu versuchen. Da ist auch immer noch der schwache Kontakt zur eigentlichen Ragna, und ich weiß nicht, ob es ohne den möglich wäre. Der ist zwar lose, aber da ist halt noch so eine ganz ganz dünne Leitung, über die ich dann immer noch ein paar Auskünfte an Christian raus schieben kann, wogegen die Rolle sich wehrt, diese Fragen, das ist mir alles zu viel. Ich müsste ja den Mund fest zupressen, damit das wabernde Ding da nicht ausbricht. Schließlich schreie ich, aber erst müssen die anderen weiter weg von mir. Trotz allem ist der Schrei dann tatsächlich erleichternd. Auch aus der Rolle heraus. Da war einerseits ein unglaubliches Glücksgefühl, dass die anderen noch leben, ich kann es auch gar nicht glauben, muss mehrfach nachfragen. Dann ist ganz viel Trauer und auch ganz viel Angst. Und es ist so ein ganz komisches Gefühl, ich weiß, dass die anderen real sind und leben. Aber was ich bin, das weiß ich nicht, und ich weiß auch wirklich nicht, ob ich lebe, oder was ich da eigentlich tue. So eine merkwürdige Zwischenwelt.

 

Dann gehen die anderen zurück auf die Stühle, da kommt Reden und Lachen, und dann kommt diese Meute, so eine Mischung aus mittelalterlichem Mob, ja, Hexenverfolgung ist auch dabei, Teufel, die Engel waren und umgekehrt, alles irgendwie weiß aber dabei dunkel, und dieses Schreien und Kreischen, wie sie mich auslachen! Da hilft es auch nichts, mich in der Wand aufzulösen. Ganz leise ist da das Wissen, die anderen sind real und leben noch. Und sie sind  tatsächlich weggegangen, als ich es gewollt habe. Und sie haben mir wirklich geantwortet, nein, sie hören die Meute nicht. Dann könnte ich ja gucken, oder? Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, wie viel Ragna da schon wieder dabei ist, die noch ganz leise weiß, es ist die Rolle. Ganz wichtig für mich ist, dass Ihr meine Fragen beantwortet habt, aber ansonsten nichts kam. Keine Anweisungen, was ich sehen müsste oder nicht usw. Ich konnte mich da ganz alleine in meinem Tempo an den Gedanken gewöhnen, dass es sein könnte, dass Ihr die wirklich nicht seht und hört.

 

Ich liege inzwischen ganz in der Ecke, robbe mich langsam an der Wand hoch bis ins Sitzen, sehe, da sind Steckdosen, eine TV-Dose? Ich habe den Impuls, das Kabel aus meinem Nabel zu ziehen (ich weiß, dass ich da ein Kabel raus ziehen kann) und einzustöpseln, damit ich das Fernsehprogramm ausstrahlen kann. Aber da ist ja noch die Meute, und die anderen sagten gerade, dass sie die nicht hören.

 

Als ich dann schaue, merke ich, die sind wirklich nicht da, die aus der Meute, die die Meute bilden. Als ich das Gesicht zur Wand hatte, da war ich sicher, dass sie da sind. Aber als ich mich dann traue zu schauen, da war es nur die Decke. Und in einiger Entfernung Ihr. So, dass ich Euch sehen kann, dass ich aber Sicherheitsabstand habe.

 

Es ist erleichternd. Erleichternd, dass die Meute nicht da ist, diese Menge, die ich nicht beschreiben kann, die mich aber verfolgt, egal wohin ich krieche, die mich auch sieht, wenn ich im Boden mich auflöse, diese Meute, die ich doch gehört habe und die ich hinter mir gesehen habe, als ich das Gesicht zur Wand hatte.

 

Ganz langsam arbeite ich mich soweit raus aus der Rolle, dass ich wieder Kontakt aufnehmen kann zu Christian. Erstmal verbal, von meiner Ecke aus, noch brauche ich Abstand. Aber ich kann schon schauen, die Realität wieder wahrnehmen. Und ich weiß auch wieder, dass es in meinem Nabel kein Kabel gibt, das ich in eine TV-Dose einstöpseln könnte.

 

Danach frage ich mich, inwieweit da meine eigenen Traumatisierungen reingespielt haben, denn die hinterlassen ja auch manchen merkwürdigen Effekt. Ich habe dann aber gemerkt, dass es da Unterschiede gab. Die Ängste und Befürchtungen, die hatten schon ihre Wurzeln in meinen Traumatisierungen bzw. Kindheitserfahrungen, als mir auch immer wieder die Schuld für alles mögliche zugeschoben wurde. Die Themen kamen also von daher. Aber die "Ausführung" war anders. Gesteigert und verzerrt bis zum Realitätsverlust. Statt einen Wutanfall meiner Mutter zu befürchten, war ich ja überzeugt, wenn ich diesen Waberdingschrei herausließe, ginge die Welt unter. Bei Flashbacks oder so finde ich zurück, indem ich mich in der Realität verankere. Ich mache dann auch etwas, was ich für mich "Abgleichen" nenne - ich fühle in den Körper hinein und schaue hin sodass ich die verschiedenen Sinneskanäle aneinander anpassen kann. Ich kann auch meine innere Welt gut von der äußeren unterscheiden. So was ging alles nicht mehr während des Walks. Da habe ich wirklich nicht mehr auseinander gekriegt, was was war, da war nur noch dieser ganz ganz dünne Kontakt zur Realität, an dem ich mich dann am Ende wieder ins Hier und Jetzt gezogen habe. Der Kontakt war zwar dünn, aber immerhin war dabei das Wissen, dass es ein Besuch im Krankheitsbild war, eine Art Forschungsreise, von der ich zurückkehren würde. Ich möchte gar nicht wissen, wie sich jemand fühlt, der dieses Wissen nicht hat, aber in so einer Situation steckt.

 

Wenn es um meine Traumen geht, dann kann ich auch zuordnen, ich weiß dann, was woher kommt und so. Während des Walks, da wusste ich nicht, was woher kommt, da waren nur diese ganzen Verzerrungen und dieses Wabern und dieses Auflösen und Umstülpen, gegen das ich mich ja ganz fest an die Wand oder den Boden pressen musste. Wenn es um Traumen geht, tut mir auch Kontakt zu anderen Menschen gut, wenn auch bitte wohldosiert. Aber da geht es z.B. im Gespräch oder so, während mir beim Walk alles zu viel wurde, diese Fragen und so, hat mich alles überfordert. Ich hatte auch kaum eine Möglichkeit, das, was ich da "wahrnahm", zu beschreiben. Das ließ sich nicht mit mir bekannten Worten beschreiben, weil da soviel sich überlagerte und alles durcheinander ging. Schizophrenie und Trauma sind also zumindest nach meiner Wahrnehmung im Walk unterschiedlich.

 

Was mir beim Walk in der Rolle geholfen hat, war, dass vor allem Christian ganz ruhig und sachlich auf meine Fragen geantwortet hat, ohne zu kommentieren, ohne zu äußern, dass das ziemlich realitätsfern war, was ich da erzählte, aber dass er doch seine eigene Wahrnehmung dagegen gesetzt hat. Ja, nach meinem Schrei lebten die anderen noch. Nein, sie hörten die Meute nicht. Jeglichen Versuch, sich um mich zu kümmern oder auch nur in näheren Kontakt als über mehrere Meter hinweg zu kommen, hätte ich als Bedrohung erlebt. Aber zu merken, ich werde mit dem ganzen Irrsinn akzeptiert, gab mir die Möglichkeit, mich auf eine Überprüfung einzulassen.

 

 

 

Bericht eines Kurses "Walking-In-Your-Shoes" mit Christian Assel am 06.03.10 in Hannover

 

von Frank Otto: "Eindrücke eines Kurses"

 

Da ist Brigitte aus Hannover. Brigitte ist verheiratet mit Philip. Philip ist halb Haitianer und zur Hälfte Deutscher. Allerdings erzählt Brigitte, sie lebe von ihrem Mann seit nunmehr einem halben Jahr getrennt. Er ist in Haiti geblieben. Dort hat sie ihn auch zurückgelassen, zurücklassen müssen, denn er hat dort geschäftlich zu tun. Er leitet dort ein gutgehendes Restaurant, welches allerdings seine Anwesenheit erfordert. Dies ist eins.

 

Das andere Moment in ihrer Geschichte ist offenbar das Wechselbad der Gefühle, das sie im Zusammensein mit Philip erfährt, sind die rapiden Stimmungsumschwünge, denen er sie aussetzt. Einerseits beteuert ihr Mann seine Liebe und wünscht sich ein gemeinsames Leben, versichert er, doch dann, vielleicht schon am nächsten Tag oder auch in der nächsten Minute, blockt er jeden Versuch, ihm nahe zu kommen ab, verschließt sich Brigitte und fordert sie auf, ihn ich Ruhe zu lassen, denn das mit ihnen habe ja doch keine Zukunft. Außerdem ist es besser, sie vergesse ihn möglichst schnell. Philip legt Brigitte auch eindringlich nahe, abzureisen. Auf ihr „Warum“? antwortet Philip kryptisch, ihre Sicherheit mache das erforderlich. Wenn sie hier bleibt, könne er nicht für ihre Sicherheit garantieren und er kann sich nicht auch noch um sie kümmern.

 

 

Der Walk

 

Brigitte wählt Rupert aus, den Walk von Philip zu übernehmen und er signalisiert auch, er wolle das tun. So stellt er sich in den Raum, schließt die Augen und macht sich bereit fuer den Walk; als er die Augen öffnet und losgeht, beginnt Philip zu torkeln. Er ist unsicher und sucht fast unmittelbar Halt an der Wand. Dort verharrt er, stützt sich mit den Händen auf seinen gebeugten Knien ab.

 

Er lehnt schwer an der Wand, sichtlich kraftlos und anscheinend auch sehr verzweifelt. Brigitte, wie wir, Betrachter der Szene, doch gleichzeitig unmittelbar beteiligt, gerät mehr und mehr in emotionales Fahrwasser, spricht wechselweise mit Philip und Christian, unterstreicht, ihn, Philip, nicht verlassen zu wollen, versucht Lösungen zu finden, bietet Lösungsvorschläge aus dem Dilemma, beteuert ihre Stärke und dass es für alles eine Lösung gebe. Doch vergebens: Philip lehnt all das rigoros ab, wiederholt eindringlicher, sie möge abreisen, ihn in Ruhe lassen. Die Situation wird zunehmend aufgeladen.

 

Da ist Brigitte einerseits, äußerst erregt quittiert sie jedes Ansinnen Philips, ihn zu vergessen, mit Ablehnung, möchte sich nicht fügen, nicht anerkennen, was notwendig zu sein scheint, sucht ohnmächtig nach einem Schlüssel, den es gewiss nicht gibt.

 

Und da ist Philip andererseits in seiner Lethargie, ja, Agonie, der unter der Last, die er spürt, fast zusammenbricht.

 

Gleichzeitig materialisiert sich etwas im Raum, das früh in der Luft zu liegen schien und nun von Brigitte ausgesprochen wird. Es sieht aus und fühlt sich an, wie ein Fluch, ein Bann oder eine Besetzung, welche auf Philip zu liegen scheint. Auch das Wort "Voodoo" fällt. Das klingt zwar merkwürdig, macht aber in der Situation für uns Sinn. Philip gibt an, dass er eine starke Kraft spüre, die sich wie eine verbissene Kralle im hinteren Nackenbereich anfühlt. Wie eine Kralle, die ihn festhält und nieder drückt. Möglicherweise ist Philip ein Opfer dieses Kultes geworden. Brigitte kann sich das aber auch nicht erklären und das Ganze ist sicher nur blanker Unsinn, doch sie erinnert sich, schon einmal einen Freund gehabt zu haben, ebenfalls aus Haiti. Der habe damals, wenn sie sich mit ihm gestritten habe, hin und wieder zu ihr gesagt, er werde sie verhexen. Sie kannte das schon. Aber in Philips Fall muss das nicht so sein. Überhaupt glaubt sie nicht an überirdische, jenseitige Kräfte, nicht an Voodoo. Es gibt für alles eine Lösung.

 

Der Walk, wenn man ihn so nennen kann, stagniert nachdrücklich an dieser Stelle, denn Philip bewegt sich nicht wesentlich. Er steht nach wie vor an der Wand. Atmet schwer und wie am Ende seiner Kräfte. (Geh, lass mich allein…) Brigitte ist nun den Tränen nah. Zweifelt zunehmend. Fragt sich, ob sie verrückt sei? Fragt sich, fragt Christian und später, als der Walk schon beendet ist, auch noch mal die Anwesenden: Ich bin doch nicht verrückt, oder?

 

Doch noch ist der Walk nicht zu Ende. Die Akzeptanz kämpft mit den Gegebenheiten. In dieser Situation, weist Christian Brigitte darauf hin, die Situation genau zu betrachten: Da ist Philip, der mit etwas kämpft, das sich dem Verständnis, unserem Verständnis, möglicherweise entzieht. Eine Kraft, größer und dadurch, dass wir sie nicht verstehen, auch unserem Zugriff entzogen. Nicht greifbar zumal. Oder kann sie sich vielleicht einen Grund denken, warum irgendjemand ihn “verhexen“ sollte? Auch wenn für sie alles so unwahrscheinlich erscheint. Brigitte fällt die ehemalige Frau ihres Ehemannes ein, die gleichzeitig auch seine Geschäftspartnerin war. Die beiden haben sich im Streit getrennt.

 

Auf mich wirkt es, als erkläre Brigitte sich selbst gerade die Umstände, in denen sie und ihr Mann stecken. Sie kennt jedes Mosaiksteinchen. Dennoch möchte sie keinen Blick auf das fertige Mosaik werfen. Sie weiß es eigentlich und scheint doch nichts wissen zu wollen von den Dingen, die sie erzählt. Steht ihre Ehe unter einem Unstern? Es hat fast den Anschein.

 

Trotzdem geht in kleinen Schritten eine positive Veränderung mit ihr vor: Sie summiert, erklärt entschlossen und zugleich unsicher, was sie glauben soll. In diesem Wechselbad der Gefühle (auch hier) gelingt es ihr langsam, die Situation von der anderen Seite zu betrachten, der, ihres Mannes. Es ist, wie Philip sagt: Sie kann nichts tun, außer für sich selbst zu sorgen. Überhaupt: Wie viel leichter muss es Philip sein, wenn er sie in Sicherheit weiß!

 

Wie viel besser in dieser aussichtslos scheinenden Situation, die zudem schon begonnen hat, Brigittes Leben zu beeinflussen.

 

Sie erzählt von einem Traum, den sie vor einigen Tagen gehabt hat. Sie war auf einem Friedhof. Dann, auf dem Weg zum Ausgang nähert sich ihr von hinten etwas Bedrohliches, Dunkles. Dieses Etwas droht ihr, sie solle sich zurückziehen und wie, um der Forderung Nachdruck zu verschaffen, schleudert eine Kraft sie mit “300 Stundenkilometern gegen einen Grabstein“.

 

Dann fügt sie noch bei, sie neige zu Extremsituationen. Beide Beziehungen, die, zu ihrem ersten haitianischen Freund und die zu Philip, spiegelten das wider. Irgendetwas in Brigitte widerstrebt dennoch. Es ist spürbar und zu sehen, wie es in ihr arbeitet. Nein, freiwillig würde sie nicht gehen. Sie nimmt sich aber doch zurück, auch wenn ´s schwer fällt.

 

Und jetzt geschieht etwas mit Philip. Als Brigitte signalisiert, sie werde sich zurückziehen, freut er sich für einen Augenblick. Er wirft die Arme hoch. Müde, sicher. Aber doch ehrlich erleichtert und es scheint, als habe ihm diese Geste seiner Frau mehr geholfen, als alle Worte, die gesagt worden sind. Für einen kurzen Moment kann er loslassen und ist darüber freier und leichter geworden.

 

Hier beendet Christian den Walk. Die Szene löst sich auf. Brigitte entlässt Rupert aus dem Walk, sie dankt ihm und setzt sich. Ein wenig aufgelöst zwar. Im besten Sinn des Wortes. Es scheint, als sei etwas in ihr angerührt worden, angestoßen. Sie wirkt, als habe sie noch lange mit diesen Eindrücken zu tun und sicher werden die kommenden Tage noch viel Zeit für Brigittes Nachlese bieten.

 

 

 

 

Bericht einer Familienaufstellung mit Christian Assel am 13.06.06 in Hannover

 

Von Frank Otto

Familienaufstellung am 13.06.06

 

So ist es also, Christian, alter Freund aus alten Tagen: Zeit ist vergangen und wir gehen durch die Jahre und ich sehe dich zu einem veritablen Aufsteller in Sachen Familie heranreifen: Schön !

 

Heute ist der 13te (ausgerechnet !) Mai 2006, ich habe heute eine Familienaufstellung mitgemacht und bin oft „rangekommen“. Aber bemerkenswert, du weißt, war die Aufstellung von Peters (Name geändert) Frau, deren Namen ich gerade nicht weiß ? Die beiden wohnen in Braunschweig und sie ist das Umziehen, den Ortwechsel von Kindesbeinen an gewohnt. Aber in Braunschweig wird und wird sie nicht heimisch. Sie findet ihren Weg nicht. Schorsch stellt den Weg dar, eine andere Braunschweig und Wieland-Werner Berlin (wohin sie sich seit je gezogen und heimisch fühlt und am liebsten wieder hin würde aber das kann sie ihrem Mann nicht zutrauen und überhaupt…).

 

Schnell ist man sich einig, Berlin nimmt sie an die Hand und beide fühlen sich wohl und zueinander hingezogen. Aber irgendwas fehlt… Und ich sitze die ganze Zeit an meinem Platz, beobachte und denke mir mein Teil: Alles zu einfach ! (Ich denke etwas, wie: Das ist es nicht; dass Berlin und sie sich mögen war von Anfang an klar! Das hat sie schließlich schon auf dem Sitz gesagt, als du sie befragt hast, als sie erzählt hat: Berlin ist so eine kleine Liebe, dreckig, anstrengend und laut. Aber eben die Stadt, in der sie lange gelebt hat. (6 oder 8 Jahre?) Ich sitze also da und köchele vor mich hin: wollen die das, Sie, Berlin und Du, Christian so hinnehmen? Soll das schon der Weisheit letzter Schluss gewesen sein: Sie gesteht ihre Liebe zu Berlin und die beiden finden sich dann auch? (Kunststück, wenn nur die beiden da sind!)

 

Es scheint, als habe meine Körpersprache irgendwas transportiert: (ich war, glaube ich, gerade in meinem Sitz ohnmächtig geworden!, zusammengesackt vor der Banalität menschlichen Lebens…).

 

Aber du hast die rettende Idee und forderst sie auf, noch etwas anderes aufzustellen! Ostberlin oder die DDR?, wer weiß das schon? Und das Mädchen macht sich auf die Suche unter uns Zuschauern und wählt mich! Und, wirklich, ich habe es mir gewünscht! Problem ist nur, dass ich ebenfalls nicht weiß wer oder was ich bin! Aber woll`n  seh`n.

 

Ich liege auf dem Boden, repräsentiere etwas Totes..? Nein…  Ich stehe wieder auf den Füßen (schon besser), beginne meinen Platz im Raum zu suchen..? Stelle mich hinter den Weg…? Stelle mich hinter Berlin… Nein! (bloß nicht!). Hinter sie? (Hmmm, hier riecht es gut, hier bleibe ich). Mir ist gut, ihr nicht?? (Irritation bei mir). Warum? Sie spricht mich an, fordert mich zu gehen, sagt, ich würde zwischen ihr und Berlin stehen. Ich solle zurück bleiben? Solle sie lassen…? Ja, Mensch, dann geh doch! Ich stehe bestimmt nicht zwischen dir und deinem Weg nach Berlin, auch nicht zwischen euch, wie du mir vorwirfst. Und ich kann das auch „beweisen“: ich stehe vor dir und Berlin links von mir. Rechts von dir. Du kannst gehen!

 

Aber eins ist klar (wenigstens mir): Los wirst du mich nicht so einfach! Ich gehe nicht (trotz einiger Aufforderungen dies zu tun). Hier stehe ich und hier bleibe ich. Komme was da wolle.

 

Und dann geschieht das Unglaubliche! Die schöne, arme Unbekannte, so will ich sie nennen, beginnt zu weinen. Sie, nicht ihre Stellvertreterin, beginnt bittere Tränen zu weinen und Ihr Schluchzen findet seinen Weg in mein Ohr und in mein Herz. Oh, wie Sie weint, oh, wie traurig ist Sie. Wie schwer, die Erinnerung, die sich dort heranquält und die man so gerne vergessen hätte. Nicht ausgesprochen. Wie genant! Nein: Das Unaussprechliche kann nicht vor so vielen Lauschern geäußert werden, nicht vor all den Menschen im Raum. Ihr beide geht raus. Und unsere Stellung friert ein. Bleibt wie sie steht und rührt sich nicht. Wartet. Wartet auf eure Rückkunft (Ich atme tief!).

 

Nun! Ihr kehrt zurück und ohne das über das Unaussprechliche gesprochen wird, weiß wohl jeder im Raum, was zwischen dem Stiefvater (hier fällt meine Maske!!) und dem armen Mädchen einst vorgefallen ist.

 

Du bietest verschiedene Wege an, die die Stellvertreterin auch sagen kann (Ich habe es für Mutter getan/ Für dich habe ich es gern getan). Die “Echte“ aber nicht (wir stehen uns bald gegenüber). Nur der erste Satz geht ihr leidlich über die Lippen. Wie schwer, wie schwer ist das alles für das Mädchen, das da mit feucht werdenden Augen vor mir steht (jetzt beginnen die Tränen zu rollen). Ich nehme ihre Hände in meine. Soll ich sie in den Arm nehmen? (Zu früh, zu früh) Ein Augenblick. Wie verloren ist das Wesen vor mir. So klein. So zerbrechlich.

 

Trotzdem: in mir ist kein Bedauern, keine Reue. Ich weiß nicht warum? Ich weiß nur, das. Ich habe etwas getan, dass schlimm ist. Immer noch. Nach so vielen Jahren. Sie und ich. Du machst einen Vorschlag. Ich soll sagen: Ich gebe dir meinen Segen.

 

Nein! Das kann ich nicht. Ich suche nach einer Lösung und etwas in mir treibt nach oben.

 

Finde deinen Weg und sei frei.“, findet seinen Weg über meine Lippen. (Und das wünsche ich ihr wirklich).

 

Das Gesicht vor mir zerfließt jetzt in Tränen und alles in mir strebt danach Sie in die Arme zu nehmen. Aber noch zögere ich. Was, wenn sie mich zurückweist? Aber etwas “zieht“ und alle Zurückhaltung geht fahren: Ein schluchzendes Etwas liegt nun in meinen Armen und weint sich an meiner Schulter aus. Ich halte sie… 

 

Dann hat Sie sich wieder etwas gefasst. Wir stehen uns gegenüber. Aber, nein, bestimmte Dinge kann Sie nicht sagen, nicht verzeihen. Aber ein Weg ist da. Ein gangbarer Weg, hoffentlich.

 

Kann man schöpferisch wirken in der Familienaufstellung? Oder ist das vermessen und an der Sache vorbei interpretiert?  Wenn das der Fall ist, Christian, - das man schöpferisch sein kann -, habe ich das Gefühl, alles, von der Erwählung aus meinem empörten Sitz durch Sie, über meine Identitätsfindung (als Stiefvater) bis zum Ende: Alles das musste sein, war in gewisser Weise eine logische Verkettung, zu der ich beitragen musste. Von Zufall mag ich da nicht sprechen. Nicht, dass ein anderer meinen Platz ebenso hätte ausfüllen können. Beliebig sind die Dinge nicht !

 

Was mir, als dein Freund, noch zu sagen bleibt, ist: Du machst deine Sache ehrlich und gut und selbst, wenn du unsicher bist, wo die Wahrheit liegt, trägst du zur Wahrheitsfindung bei!

 

Du hast im Januar, bei der Verabschiedung, gesagt, dass dir mein Lob sehr wichtig ist (später dann, unter uns, sagtest du scherzhaft: “Frank, der mal ein Lob ausspricht…“) Lobe ich so selten, ich schlechter Mensch?

 

Nee, nee… Das heißt jaa, jaa: Du machst schon gute Arbeit.

 

Immer nehme ich etwas mit, das auch für mich passt, auch auf mich zugeschnitten ist und mich zum Nachdenken bringt. Dafür danke ich dir.

 

   
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